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Dr. David Berger

Interview mit Dr. David Berger - 21-02-2004

 

1. Können Sie sich kurz vorstellen ?

 

Ich bin im März 1968 im nordbayrischen Würzburg geboren. Mein Studium der Philosophie, Theologie und Germanistik in Würzburg, Köln und Dortmund habe ich 1998 mit einer Dissertationsarbeit über Natur und Gnade in der Neuscholastik und bei Karl Rahner abgeschlossen. Am Scholastikat der Servi Jesu et Mariae in der Diözese St. Pölten habe ich zunächst Fundamentaltheologie, dann die Kurse zur Theologie des hl. Thomas gelehrt. Im Heiligen Jahr 2000 habe ich zusammen mit Msgr. Prof. Rudolf Michael Schmitz das thomistische Jahrbuch „Doctor Angelicus" gegründet, das nun das Publikationsorgan der deutsche Sektion der S.I.T.A., der „Deutschen Thomas-Gesellschaft" ist und dessen Schriftleitung ich innehabe. 2002 wurde ich zum Mitglied der Päpstlichen Akademie des hl. Thomas von Aquin und 2003 zum Herausgeber der katholischen Monatsschrift „Theologisches" ernannt.

 

2. Woran arbeiten Sie zur Zeit ?

 

Ich habe eben die ausführliche Einleitung zu einer deutschen Neuauflage der Schriften R. Garrigou-Lagranges, die die „Deutsche Thomas-Gesellschaft" veranstaltet, abgeschlossen. Nun nehme ich die Endredaktion der thomistischen Bibliographie der Sekundärliteratur für das Jahr 2003 für die neue Nummer des thomistischen Jahrbuches und einen Vortrag, den ich im Juni in Prag und Olmütz über die Anfänge des Neuthomismus im 19. Jh. halten werde, in Angriff.

 

3. Was ist das Wichtigste, das Sie von den hl. Thomas von Aquin gelernt haben ?

 

Ich glaube, es ist seine theozentrische Perspektive, die alles von Gott als Ipsum Esse subsistens ausgehen und zu ihm heimkehren sieht; die sich in einem faszinierenden Objektivismus und einem sicheren Sinn für das Geheimnis stets bewusst bleibt, dass Gott der immer Größere bleibt. Und die doch niemals in das Extrem verfällt die Schöpfung und besonders den Menschen zu verachten, sondern vielmehr in einem hierarchisch-analektischen Denken die katholische media via abbildet.

 

 

4. Welche Thomisten haben Ihr Denken am meisten geprägt?

 

Ich hatte - wie viele jüngere Thomisten meiner Generation - niemals das Glück einen unmittelbaren thomistischen Lehrer zu hören, die Vorlesungen, die ich in Köln (Thomasinstitut) gehört habe, haben mich ehrlich gesagt nicht sonderlich beeindruckt. Aber ich habe während meines Studiums die meiste Zeit damit verbracht, mich den Büchern bedeutender Thomisten zuzuwenden. An erster Stelle dürften dabei für die Theologie Réginald Garrigou-Lagrange sowie Johannes a S. Thoma stehen, im Bereich der thomistischen Philosophie habe ich enorm viel durch die Einführung Leo Elders in die Metaphysik des Thomas, von Bernhard Lakebrinks Studien zu Thomas und Hegel sowie von P. Del Prados „De veritate fundamentali philosophiae christianae" gelernt. Aber ich habe zugleich immer wieder bestätigt gefunden, was diese Thomisten selbst auch immer wieder hervorgehoben haben: Das meiste lernt man tatsächlich bei Thomas selbst und zuerst hat das divus thomas sui interpres zu gelten, wenn auch die thomistische Schule im engeren Sinne sowie die moderne historische Forschung eine große Verstehenshilfe ist.

 

5. Worin ist heute die Aktualität und Neuheit der Lehre des Aquinaten zu suchen ?

 

Die eigentliche Aktualität des Aquinaten zeigt sich in dessen Fremdheit; dort wo er nicht einfach ein penseur moderne ist; dort wo er sich als Antipode des Zeitgeistes als besonders zeitgemäß erweist, dort wo er jene vordergründigen Plausibilitäten, die die Glaubenssätze des Zeitgeistes stützen und sich heute weithin im kirchlichen Alltagsjargon ihre eigene Sprache geschaffen haben, durchbricht; dort, wo dessen überzeitliche Weisheit uns in eine schmerzhafte und doch heilsame Unruhe versetzt, die Verengungen unseres Denkens aufbricht, uns aus unserem Haus der Zeitlichkeit zerrt, um uns zu einem übergeschichtlichen, dem Wandel der Tagesmoden enthobenen Fortschritt zu führen. Gerade dadurch, dass das Vergangene durch das Gegenwärtige nicht ein­fach neutralisiert, aufgesogen und dann letztlich negiert, sondern in seinem Eigensein, seiner Andersheit und damit auch seinem Spannungs­verhältnis zum Gegenwärtigen belassen wird, wird zugleich echtes Verstehen erst ermöglicht. Dabei genügt es freilich nicht, das Vergangene einfach historisch darzustellen: „Nur wenn das Alte durch das Neue ins Licht gehoben wird, das Neue als Zugang zu den Werten des Alten eröffnet wird, kann eine Bereicherung des Verständnisses der Sache selbst erfolgen." (Leo Scheffczyk)

 

6. Wie werden Sie die heutige Lage des Thomismus in Deutschland beurteilen ?

 

Mit gemischten Gefühlen: Zum einen ist - besonders in der älteren Theologen- und Bischofsgeneration - der Einfluss Karl Rahners noch sehr stark, den Cornelio Fabro treffend als „deformator thomisticus radicalis" bezeichnet hat. Hier sorgt die transzendentaltheologische Ideologisierung für eine Blindheit im Hinblick auf den einzigartigen Wert, den die Schule des hl. Thomas auch heute besitzt. Und auch die alteingesessenen Institutionen, die sich im deutschsprachigen Raum einst um die Lehre des hl. Thomas gekümmert haben (z.B.: das Studienhaus der Dominikaner in Walberberg, das Thomas-Institut in Köln, das Grabmann-Institut in München oder die Universität in Fribourg), gibt es entweder nicht mehr oder sie haben sich in den Elfenbeinturm rein geschichtlicher Studien zurückgezogen und betrachten jede systematische Fruchtbarmachung und Aktualisierung des Thomismus als unter ihrer Würde. Andererseits erlebe ich bei meinen Vorträgen gerade in der jüngeren Akademikergeneration eine außergewöhnliche Aufgeschlossenheit gegenüber dem Denken des Aquinaten und die ernste Bereitschaft, dieses auch heute in vielen Bereichen fruchtbar zu machen. Auch die vielen positiven Stimmen (u.a. von deutschen Dominikanern) zur Gründung der „Deutschen Thomas-Gesellschaft" und in dieser das Engagement junger Gelehrter lässt mich im Hinblick auf die Zukunft sehr optimistisch sein. In meinem Thomismusbuch habe ich geschrieben: „Die große Zeit des Thomismus liegt noch vor uns" - ich glaube und hoffe, das gilt auch für die Länder deutscher Zunge.

 

7. Was sind Ihre wichtigsten Publikationen ?

 

Wenn jemand, wie ich es getan habe, die Werke bedeutender Thomisten des 20. Jahrhunderts studiert hat, dann wird er sich hüten, überhaupt eines seiner Werke für bedeutend zu halten. In diesem Sinne halte ich mein kleines Büchlein „Thomas von Aquin begegnen" vielleicht für vorbildlich, weil es über die meiste Zeit Thomas selbst in Originalzitaten oder Zusammenfassungen möglichst allgemeinverständlich zu Worte kommen (und den Autor - so hoffe ich jedenfalls - möglichst weit in den Hintergrund treten) lässt. Ähnliches hoffe ich mit meiner in diesen Tagen erscheinenden Einführung in die Summa theologiae (Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Darmstadt) zu leisten: Sie will ebenfalls nichts anderes sein als eine Hinführung des Lesers zu dem bedeutendsten Werk des Aquinaten.

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